"Der erste Schritt ist viel einfacher, als man sich vorstellt"

TEIL 2: IM GESPRÄCH MIT Cornelia Samec (EXPERTIN FÜR INDUSTRIE 4.0 UND LEAD CONSULTANT BEI TIETO AUSTRIA)

Der Begriff „Industrie 4.0“ geistert jetzt schon viele Jahre durch die mediale Berichterstattung. Wohl die meisten wissen, dass damit die Digitalisierung von Produktionsabläufen in der Industrie gemeint ist. Wo beginnt für Sie das Konzept Industrie 4.0 und wo hört es auf?

Am Beginn unserer Arbeit stellen wir stets die Frage, wo unser Kunde in Punkto Industrie 4.0 gegenwärtig steht. Dann definieren wir die nächsten Schritte im Optimierungsprozess. Neben der Digitalisierung von einzelnen Produktionsabläufen geht es auch um die Verbindung von mehreren vorhandenen Systemen zu einem neuen Ganzen. Ergebnis ist idealerweise eine Plattform mit zusätzlichem, nachhaltigem Nutzen für unsere Kunden. Der Begriff Industrie 4.0 steht für mich persönlich ganz stark für die grundlegende Idee, Systeme sinnvoll miteinander zu verbinden und unsere Welt durch Vernetzung einfacher und besser zu machen.

Wie aufwändig ist die Implementierung von Industrie 4.0-Lösungen in einem Produktions-Unternehmen?

Wie hoch der Aufwand tatsächlich ist, hängt vom jeweiligen Reifegrad der Digitalisierung in einem Unternehmen ab. Doch sogar der allererste Schritt in Richtung Industrie 4.0 ist viel einfacher, als sich so mancher Entscheider vorstellt. Ich sehe es als unsere zentrale Aufgabe, Unternehmen einfach und verständlich in ihre digitale Zukunft zu führen.

Gibt es Industriezweige, die für Industrie 4.0-Lösungen besser geeignet sind als andere? Gibt es Bereiche, in denen Industrie 4.0 keine Rolle spielt?

Die Industrie und alle produzierenden Unternehmen haben definitiv einen hohen Digitalisierungsbedarf. Aber die Entwicklung macht auch vor dem Dienstleistungs-Sektor oder dem öffentlichen Bereich nicht halt – dort heißt das Stichwort dann eben nicht Industrie 4.0, sondern vielleicht Customer Experience Management, Smart Home-Lösung oder digitale Autobahnvignette. Im Kern geht es dort wie da um Digitalisierung – und die betrifft uns alle. Bei Tieto sind wir aber auch keine Digitalisierungs-Missionare. Dort, wo Digitalisierung keinen Mehrwert bringt, machen wir sie auch nicht.

Werden wir in Zukunft vor voll-automatisierten Fabriken stehen?

Der Mensch wird immer einen wichtigen Einfluss haben, auch wenn vieles automatisiert und digitalisiert in den Fabriken von morgen ablaufen wird. Ich bin davon überzeugt, dass alles Digitale ohne eine analoge Komponente – sprich, eine Person – nicht viel leisten kann. Was sich durch Digitalisierung vor allem verändert, sind die Aufgaben von uns Menschen und die Art und Weise, wie wir arbeiten. Statt den immer gleichen Routinearbeiten kann der Mensch seine Ressourcen zukünftig zum Beispiel für die Qualitätsanalyse nutzen, sowie für die laufende Verbesserung neuer Arbeitsabläufe. Diese Entwicklung ist eine große Veränderung für unsere gesamte Arbeitswelt. Manche wird das vor eine große Herausforderung stellen, aber langfristig gesehen ist eine gewisse Digitalisierung der einzige Weg, um als Unternehmen wettbewerbsfähig zu bleiben.

Wie unterstützen Sie mit Ihrem Team bei Tieto Austria österreichische Industriebetriebe bei der Digitalisierung? Welche Bereiche decken Sie ab?

Wir identifizieren gemeinsam mit unserem Kunden, was für ihn gerade Sinn macht. Nach einer Analyse entwickeln wir neue Geschäftsmodelle zur Steigerung seines Digitalisierungsgrades. Uns ist besonders wichtig, den Kunden in eine sinnvolle digitale Zukunft zu führen. Wir sind immer so schnell, wie es die Organisation des jeweiligen Kunden mitträgt.

Welche Effekte haben Industrie 4.0-Lösungen neben der Steigerung der Effizienz in der Produktion?

Sie schaffen mehr Transparenz. Ein Digitalisierungsprojekt ist für die Organisation des Auftraggebers stets auch eine Veränderung und erfordert begleitendes Change-Management. Der Mensch muss in diesem Prozess mitgenommen werden. Erfolgreiche Industrie 4.0-Lösungen treffen bei allen Mitarbeitern auf Akzeptanz und werden von ihnen täglich gelebt.

Glauben Sie, dass Konzepte aus dem Bereich Industrie 4.0 auch andere Wirtschafts-Sektoren erobern werden – zum Beispiel den Einzelhandel oder das Gastgewerbe?

Definitiv. Es gibt zum Beispiel Bemühungen, Sensoren in Stoffe einzuarbeiten. Damit können Informationen über den Tragekomfort bestimmter Kleidungsstücke gesammelt und die Textilien dann entsprechend verbessert werden. Die Anwendungs- und Nutzungsbeispiele für jede Entwicklung sind riesig und jeden Tag gibt es neue Ideen und Entwicklungen. Wir filtern für unsere Kunden das wirklich Sinnvolle aus der digitalen Flut an Möglichkeiten.

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